Entlastung pflegender Angehöriger: Wieder mehr Raum für Nähe

Entlastung pflegender Angehöriger: Wieder mehr Raum für Nähe

Wann konnten Sie Ihre Mutter zuletzt besuchen, ohne gleichzeitig den Kühlschrank zu kontrollieren, die Wäsche zu erledigen oder den nächsten Arzttermin zu planen? Wann haben Sie mit Ihrem Vater einfach zusammengesessen, ohne im Kopf bereits die nächsten Pflegeaufgaben durchzugehen?

Pflege verändert den Alltag einer Familie häufig langsam und beinahe unbemerkt. Töchter und Söhne werden zu Organisatoren, Ehepartner übernehmen immer mehr pflegerische Aufgaben und gemeinsame Besuche entwickeln sich zu Arbeitseinsätzen.

Die Entlastung pflegender Angehöriger bedeutet jedoch nicht, Verantwortung abzugeben oder einen geliebten Menschen allein zu lassen. Im Gegenteil: Eine passende häusliche Betreuung kann dazu beitragen, familiäre Beziehungen zu erhalten. Wenn eine Betreuungskraft alltägliche Aufgaben übernimmt, entstehen wieder Freiräume für Gespräche, Nähe und gemeinsame Erlebnisse.

Meist beginnt die Unterstützung mit einzelnen kleinen Aufgaben. Angehörige kaufen ein, begleiten die ältere Person zu einem Termin oder rufen regelmäßig an, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Steigt der Hilfebedarf, kommen nach und nach weitere Verpflichtungen hinzu. Angehörige kümmern sich plötzlich um:

  • die Zubereitung der Mahlzeiten,
  • die Körperpflege,
  • Arztbesuche und Termine,
  • den Haushalt,
  • Anträge und Formulare,
  • die Sicherheit in der Wohnung,
  • die Erreichbarkeit in der Nacht,
  • regelmäßige Kontrollbesuche.

Da diese Entwicklung schrittweise verläuft, erkennen viele Familien die zunehmende Belastung erst spät. Der eigene Tagesablauf wird immer stärker an die Pflege angepasst. Persönliche Termine werden verschoben, Freizeitaktivitäten aufgegeben und Erholungsphasen immer kürzer.

Gleichzeitig verändert sich die Beziehung zur pflegebedürftigen Person. Statt über gemeinsame Erinnerungen oder persönliche Erlebnisse zu sprechen, drehen sich Gespräche zunehmend um Medikamente, Beschwerden, Termine und unerledigte Aufgaben.

Die meisten Menschen kümmern sich aus Liebe, Verbundenheit und Verantwortungsgefühl um ihre Angehörigen. Dennoch schützt eine enge emotionale Beziehung nicht vor körperlicher oder seelischer Erschöpfung.

Besonders schwierig wird die Situation, wenn mehrere Belastungen gleichzeitig zusammenkommen. Dazu gehören beispielsweise:

  • die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf,
  • die Verantwortung für die eigene Familie,
  • Haushalts- und Zahlungsverpflichtungen,
  • längere Fahrtwege,
  • wiederholte Unterbrechungen der Nachtruhe,
  • unterschiedliche Erwartungen innerhalb der Familie,
  • die Angst, bei der Betreuung Fehler zu machen.

Viele pflegende Angehörige tun sich schwer damit, Unterstützung anzunehmen. Sie kennen die Gewohnheiten, Vorlieben und Bedürfnisse der pflegebedürftigen Person besonders gut. Deshalb entsteht leicht das Gefühl, niemand anderes könne die Betreuung genauso zuverlässig übernehmen.

Dieser Anspruch ist nachvollziehbar. Dauerhaft lässt er sich jedoch kaum erfüllen. Kein Mensch kann rund um die Uhr aufmerksam, geduldig und jederzeit verfügbar sein.

Unterstützung sollte möglichst nicht erst dann organisiert werden, wenn die Versorgung zu Hause kaum noch zu bewältigen ist. Eine frühzeitige Entlastung kann helfen, die häusliche Betreuung langfristig zu sichern.

Typische Hinweise auf eine Überlastung können sein:

  • dauerhafte Müdigkeit und Erschöpfung,
  • Ein- oder Durchschlafprobleme,
  • zunehmende Reizbarkeit,
  • häufigere Konflikte,
  • Konzentrationsprobleme,
  • körperliche Beschwerden,
  • fehlende Zeit für Freunde und Hobbys,
  • das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen,
  • Angst vor Anrufen oder neuen Problemen,
  • wachsende Ungeduld gegenüber der betreuten Person,
  • der Wunsch, der Situation einfach entkommen zu können.

Solche Gefühle machen niemanden zu einem schlechten Angehörigen. Vielmehr können sie darauf hinweisen, dass die persönliche Belastungsgrenze erreicht oder bereits überschritten wurde.

Bei länger anhaltenden psychischen oder körperlichen Beschwerden sollte ärztlicher Rat eingeholt werden. Zusätzlich können Pflegeberatungsstellen über geeignete Hilfs- und Entlastungsangebote informieren.

Wenn bei jedem Besuch zuerst Einkäufe, Wäsche, Haushalt und organisatorische Aufgaben erledigt werden müssen, bleibt für persönliche Nähe kaum noch Raum.

Vielleicht möchte eine Tochter wieder in Ruhe mit ihrer Mutter über frühere Zeiten sprechen. Ein Sohn möchte mit seinem Vater spazieren gehen, ohne dabei eine Aufgabenliste abzuarbeiten. Ehepartner möchten weiterhin als Paar zusammenleben, anstatt sich ausschließlich als Pflegeperson und Pflegebedürftiger zu erleben.

Eine Betreuungskraft kann die Familie nicht ersetzen. Sie kann jedoch Aufgaben übernehmen, die gemeinsame Zeit zunehmend verdrängen.

Dadurch entstehen wieder Möglichkeiten für:

  • entspannte Gespräche,
  • gemeinsame Mahlzeiten,
  • Spaziergänge,
  • kleinere Ausflüge,
  • vertraute Spiele und Rituale,
  • Familienfeiern,
  • gemeinsame Unternehmungen,
  • ruhiges Beisammensein.

Entlastung führt daher nicht zwangsläufig zu weniger Nähe. Häufig ermöglicht sie erst wieder eine persönliche und unbelastete Form des Zusammenseins.

Benötigt ein älterer Mensch mehrmals täglich Unterstützung, reichen einzelne Besuche von Angehörigen möglicherweise nicht mehr aus. In einer solchen Situation kann eine sogenannte 24-Stunden-Betreuung zu Hause beziehungsweise Live-in-Betreuung infrage kommen.

Bei diesem Betreuungsmodell lebt die Betreuungskraft im Haushalt der betreuten Person. Sie begleitet den Alltag, übernimmt vereinbarte Aufgaben und kann sich zu einer verlässlichen Bezugsperson entwickeln.

Je nach individueller Vereinbarung unterstützt sie beispielsweise bei:

  • der Zubereitung von Speisen,
  • Einkäufen und Haushaltsarbeiten,
  • dem An- und Auskleiden,
  • einfachen Aufgaben der Grundpflege,
  • der Bewegung innerhalb und außerhalb der Wohnung,
  • der Gestaltung einer festen Tagesstruktur,
  • gemeinsamen Beschäftigungen,
  • Spaziergängen und Arztbesuchen,
  • der Begleitung von Menschen mit Demenz,
  • der Aufrechterhaltung sozialer Kontakte.

Angehörige müssen dadurch nicht mehr jede alltägliche Aufgabe persönlich übernehmen. Sie bleiben weiterhin eingebunden, erhalten aber die Möglichkeit, Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen.

Manche Angehörige befürchten zunächst, durch die Unterstützung einer Betreuungskraft an Bedeutung zu verlieren. Die Rollen von Familie und Betreuungskraft unterscheiden sich jedoch grundlegend.

Eine Betreuungskraft hilft bei der Bewältigung des Alltags. Die Familie bleibt weiterhin unverzichtbar für:

  • emotionale Nähe,
  • persönliche und familiäre Entscheidungen,
  • gemeinsame Erinnerungen,
  • individuelle Wünsche,
  • familiäre Zugehörigkeit,
  • wichtige medizinische und organisatorische Abstimmungen.

Eine gute häusliche Betreuung soll Angehörige nicht verdrängen. Sie soll verhindern, dass familiäre Begegnungen ausschließlich aus Pflege, Organisation und Haushaltsarbeit bestehen.

Der zentrale Gedanke lautet daher: Eine Betreuungskraft ersetzt keine Tochter, keinen Sohn und keinen Ehepartner. Sie schafft die notwendigen Freiräume, damit Familie wieder als Familie erlebt werden kann.

Für viele Menschen fühlt es sich zunächst ungewohnt an, einzelne Pflegeaufgaben abzugeben. Geteilte Verantwortung bedeutet jedoch nicht, weniger verantwortungsvoll zu handeln.

Eine geeignete Betreuung zu organisieren, Aufgaben eindeutig zu verteilen und regelmäßig im Austausch zu bleiben, ist ebenfalls Ausdruck von Fürsorge.

Ein hilfreicher Gedanke kann dabei sein:

„Ich muss nicht jede Aufgabe selbst übernehmen, um ein guter Angehöriger zu sein.“

Auch in anderen Lebensbereichen wird Verantwortung gemeinsam getragen. In Unternehmen, Familien oder medizinischen Einrichtungen arbeiten mehrere Personen zusammen. Bei der Betreuung eines pflegebedürftigen Menschen sollte dieses Prinzip ebenfalls gelten.

Eine zuverlässige Betreuungskraft kann pflegenden Angehörigen in verschiedenen Lebensbereichen neue Freiräume eröffnen.

Mehr Zeit für das eigene Leben

Beruf, Partnerschaft, Kinder, Freundschaften und persönliche Interessen müssen nicht vollständig hinter den Pflegeaufgaben zurückstehen. Regelmäßige freie Zeiten können dazu beitragen, Kraft zu sammeln und die eigene Gesundheit zu schützen.

Weniger ständige Alarmbereitschaft

Lebt eine Betreuungskraft im Haushalt der pflegebedürftigen Person, müssen Angehörige nicht wegen jeder alltäglichen Aufgabe sofort vor Ort sein. Auch das Gefühl, ständig telefonisch erreichbar sein zu müssen, kann sich reduzieren.

Mehr Ruhe in der familiären Beziehung

Viele Konflikte entstehen durch Zeitdruck, Übermüdung oder unterschiedliche Vorstellungen von einer guten Versorgung. Eine zusätzliche Betreuungsperson kann helfen, diese Belastungen zu verringern.

Bessere Planbarkeit

Arbeitszeiten, private Termine und Erholungsphasen lassen sich leichter organisieren, wenn die Betreuung nicht ausschließlich von einem einzigen Familienmitglied abhängt.

Mehr Sicherheit im Alltag

Eine feste Betreuungskraft lernt die Gewohnheiten und den üblichen Tagesablauf der betreuten Person kennen. Dadurch kann sie Veränderungen möglicherweise frühzeitig wahrnehmen.

Medizinische Auffälligkeiten müssen anschließend mit den Angehörigen, einer Ärztin oder einem Arzt beziehungsweise einem ambulanten Pflegedienst besprochen werden.

Der Ausdruck „24-Stunden-Betreuung“ ist eine weitverbreitete Bezeichnung für die Live-in-Betreuung. Er bedeutet jedoch nicht, dass eine einzelne Betreuungskraft 24 Stunden am Tag arbeiten oder dauerhaft einsatzbereit sein kann.

Auch eine im Haushalt lebende Betreuungskraft benötigt:

  • klar geregelte Arbeitszeiten,
  • ausreichende Pausen,
  • freie Zeit,
  • genügend Schlaf,
  • einen eigenen Rückzugsbereich,
  • respektvolle und faire Arbeitsbedingungen.

Vor Beginn der Betreuung sollte deshalb genau geklärt werden, zu welchen Tageszeiten Unterstützung erforderlich ist. Besteht regelmäßig ein umfangreicher Hilfebedarf während der Nacht, kann eine einzelne Betreuungskraft unter Umständen nicht ausreichen.

Eine Live-in-Betreuungskraft übernimmt nicht automatisch medizinische Behandlungspflege.

Aufgaben wie:

  • die Versorgung von Wunden,
  • das Verabreichen von Injektionen,
  • medizinisch notwendige Verbandswechsel,
  • das eigenständige Stellen von Medikamenten

müssen von entsprechend qualifizierten Pflegefachkräften ausgeführt werden.

In vielen Fällen bietet sich daher eine Kombination an: Die Betreuungskraft begleitet den Alltag, während ein ambulanter Pflegedienst die medizinisch erforderlichen Leistungen übernimmt.

Eine gute Betreuung entsteht nicht allein dadurch, dass eine Betreuungskraft im Haushalt anwesend ist. Klare Vereinbarungen, regelmäßige Kommunikation und gegenseitiger Respekt sind entscheidend.

Aufgaben eindeutig vereinbaren

Vor Beginn der Betreuung sollte schriftlich festgehalten werden, welche Tätigkeiten die Betreuungskraft übernimmt. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Aufgaben weiterhin bei den Angehörigen oder einem ambulanten Pflegedienst liegen.

Einen festen Ansprechpartner festlegen

Idealerweise übernimmt eine Person aus der Familie die regelmäßige Abstimmung. Dadurch erhält die Betreuungskraft klare Informationen und muss nicht mit widersprüchlichen Anweisungen verschiedener Angehöriger umgehen.

Gewohnheiten und Bedürfnisse erklären

Informationen über Tagesabläufe, Essenszeiten, Ruhephasen, Vorlieben, Abneigungen und Ängste helfen der Betreuungskraft, sich auf die betreute Person einzustellen.

Pausen und freie Zeiten organisieren

Bereits vor Beginn der Betreuung muss geklärt sein, wer während der Pausen und freien Zeiten der Betreuungskraft die notwendige Unterstützung übernimmt.

Respektvolle Arbeitsbedingungen schaffen

Die Betreuungskraft lebt und arbeitet im Haushalt der betreuten Person. Trotzdem bleibt sie ein eigenständiger Mensch mit persönlichen Bedürfnissen, Rechten und Grenzen.

Regelmäßig miteinander sprechen

Kurze und fest vereinbarte Gespräche erleichtern die Zusammenarbeit. Wünsche, Veränderungen oder Probleme können dadurch frühzeitig angesprochen werden.

Eine häusliche Live-in-Betreuung kann unter anderem infrage kommen, wenn:

  • die ältere Person nicht mehr sicher allein wohnen kann,
  • mehrmals am Tag Unterstützung benötigt wird,
  • Angehörige die Betreuung nicht länger allein bewältigen können,
  • ein strukturierter Tagesablauf notwendig ist,
  • Einsamkeit den Alltag zunehmend belastet,
  • eine Demenzerkrankung die Orientierung erschwert,
  • ein Umzug in ein Pflegeheim möglichst vermieden werden soll,
  • der Haushalt nicht mehr eigenständig geführt werden kann,
  • eine feste und vertraute Bezugsperson gewünscht wird.

Ob dieses Betreuungsmodell geeignet ist, hängt stets von der persönlichen Situation, dem tatsächlichen Unterstützungsbedarf und den vorhandenen Rahmenbedingungen ab.

Pflege kann vertraute Beziehungen erheblich verändern. Gemeinsame Besuche werden zu Arbeitseinsätzen, Gespräche drehen sich überwiegend um organisatorische Fragen und Angehörige übernehmen immer mehr Verantwortung.

Die Entlastung pflegender Angehöriger kann helfen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Eine Betreuungskraft übernimmt vereinbarte Aufgaben im Alltag und schafft dadurch Freiräume für Beruf, eigene Familie, Erholung und persönliche Nähe.

Sie ersetzt weder eine Tochter noch einen Sohn oder Ehepartner. Sie kann jedoch dazu beitragen, dass Angehörige nicht ausschließlich als Pflegepersonen funktionieren müssen.

Die Pflegeagentur Erni berät Familien individuell zu den Möglichkeiten der häuslichen Betreuung und unterstützt sie bei der Suche nach einer geeigneten Betreuungslösung.

Sie möchten wissen, welche Form der Betreuung zu Ihrer familiären Situation passt? Nehmen Sie unverbindlich Kontakt mit der Pflegeagentur Erni auf.

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